sign up! webstats forums guestbooks calendars
"Erkenne Dich selbst !", so stand es schon einst über dem Orakel von Delphi.
Möget ihr, die ihr hierher kommt, um nach Antworten auf die Fragen des Lebens zu suchen, bereichert von hier gehen.
Doch denkt auch daran: If you look too deep into the abyss, the abyss looks back into you ...
Nemesis' Hallen der Erkenntnis
Seite: 1 Antworten Antworten
Verfasser Beiträge
Lael

Avatar

Registriert: 01.07.2005
Beiträge: 20

04.10.2011 - 22:00: Warum Gewalt und Katastrophen uns oft kalt lassen | Zitieren Zitieren

Zerstörung und Gewalt flimmern pausenlos über unsere Bildschirme. Experten erklären, warum die meisten Menschen trotzdem nicht in Tränen ausbrechen.

Bilder ausgemergelter Körper in Somalia, Szenen brutaler Gewalt in Syrien und Libyen, brennende Autos in England, unbeschreibliche Zerstörung in Japan und die Folgen einer Atomkatastrophe, die an Tschernobyl erinnert. Durch die mediale Vernetzung und Globalisierung ist eine unmittelbare Berichterstattung möglich. Nie zuvor waren wir durch die Medien so oft und intensiv am Geschehen beteiligt und damit konfrontiert.

Geht dies mit einer gesteigerten Anteilnahme an dem Leid auf der gesamten Welt, mehr Mitgefühl und erhöhter Spendenbereitschaft einher? Die Erfahrung zeigt das Gegenteil. Einem kurzen Berichterstattungs-Hype und großen Spendenaktionen in den ersten Tagen der Katastrophe, auch der einen oder anderen Gedenkminute, folgt meist ein kollektives Vergessen, sobald das Interesse der Medien nach einigen Wochen nachlässt – aus den Augen, aus dem Sinn.

F.C. Gundlach, deutscher Fotograph und Gründungsdirektor des Hauses der Photographie in Hamburg, fürchtet, dass wir durch Katastrophenbilder in den Medien abstumpfen. "Die optische Abnutzung von Bildern zeigt sich darin, dass wir keine Kriegsbilder mehr wahrnehmen, auf denen Gefallene und Verletzte zu sehen sind", sagte er dem Hamburger Abendlblatt.

Lässt sich dies auf eine generelle Abstumpfung der Gesellschaft zurückführen? Haben wir die Bilder schon so oft gesehen, dass sie uns nicht mehr berühren, sind wir übersättigt? Oder verdrängen wir das Gesehene einfach und geben uns geschlagen, weil wir die Situation als aussichtslos ansehen?


Es sei vielmehr eine Art Gewohnheit, sagt Professor Hansjörg Znoj, stellvertretender Leiter des Instituts für klinische Psychologie und Psychotherapie der Universität Bern. Wenn man etwas oft genug sehe, verliere es die Relevanz und man gewöhne sich daran.

Diesen automatischen und unbewusst ablaufenden Prozess nennt man Habituation. "Reize, bei denen die Bedrohlichkeit abnimmt, sind nicht mehr reaktionsrelevant", so Znoj. Bei vermehrter Präsenz von Katastrophen in den Medien scheint das der Fall zu sein.

Die Aufmerksamkeit lässt mit der Zeit nach, wenn ein Thema ausgereizt ist. Beispiel Fukushima: Die atomare Katastrophe entflammte eine hitzige Diskussion zum Thema Atomausstieg. Unzählige Demonstrationen gegen atomare Energie folgten. Die Politik musste ihren Kurs ändern.

Ein halbes Jahr nach der Nachricht aus Japan haben sich die Gemüter abgekühlt. Die Aufmerksamkeit ist zu Alltagsgeschehnissen zurückgekehrt. Kaum noch Beschwerden gegen die Energiegewinnung in Atomkraftwerken sind zu hören – zumindest nicht vom Großteil der Bevölkerung.

Laut Znoj sei dies auch auf Wertungen zurückzuführen. Schließlich bräuchten wir Energie und bis dato gäbe es keine optimale Alternative zum Atomstrom.

Vermeidungsstrategie und Bequemlichkeit würden uns dazu bringen, uns nicht langfristig mit dem Thema auseinanderzusetzen: Schließlich gelängen nur noch wenige Berichte über die Lage Japans zu uns – und, geographisch gesehen, läge Japan dann doch nicht so nah.

"Man ‚entkatastrophiert’ die Katastrophe", sagt Znoj. Das alte Übel sei dann doch das kleinere. Dieser Selbstrechtfertigungsprozess liefe allerdings aktiv ab, Habituation dagegen sei ein nicht steuerbarer Abwehrmechanismus des Körpers.

Znoj vergleicht ihn im Entferntesten mit einer Therapie für Menschen, die unter Höhenangst leiden. Nach einer längeren Vorbereitungsphase werden die Akrophobiker der Höhe und somit ihrer Angst ausgesetzt, bis sie in Panik geraten. Da der Körper sich nicht ewig "hochpushen" könne und langsam ermüde, ließe die Reaktion nach, sagt Znoj. Dies könne bei den Beteiligten zu einem solchen Bewältigungserlebnis führen, dass die Angst nicht mehr auftrete.

Der Vorgang im Körper des Akrophobikers und der Prozess bei einem Menschen, der eine Katastrophe miterlebt, seien dabei vergleichbar. Der Körper könne irgendwann nicht mehr auf den Reiz reagieren.
"Abstumpfen ist manchmal überlebenswichtig"

Habituation sei in gewisser Weise auch ein Schutz vor Mitleid. Ein alltägliches Beispiel: Nur wenige empfinden gegenüber Obdachlosen noch genug Mitleid, um ein wenig Kleingeld in seinen Pappbecher zu werfen. Die meisten drehen sich beschämt weg.

"Abstumpfen ist manchmal überlebenswichtig", sagt Znoj. Ein Prozess des Selbstschutzes, um den eigenen emotionalen Haushalt zu regulieren, sonst sei das ganze Leid nicht ertragbar. Wenn man allerdings erst einmal "habituiert" hätte, sei es schwer, auf erneute Reize zu reagieren. Eine gewisse Taubheit setze bei den Menschen ein.


Es kann aber auch ein komplett entgegen gesetzter Prozess eintreten: Nach dem 11. September 2001 ließ sich bei vielen Menschen, die die Terroranschläge über Fernseher, Internet oder Radio mitverfolgt hatten, ein Vorgang feststellen, der als Sensitivierung bezeichnet wird. Die Bilder und Videos bewegten die Welt und wurden so oft wiederholt, dass sie bei einigen eine panische Angst auslösten.

Bei Sensitivierung nehme die Relevanz eines Reizes auf Dauer nicht ab, sondern zu. Der Betroffene steigere sich immer mehr in das Gesehene hinein und hätte das Gefühl, die Bedrohung rücke immer näher.

Zum ersten Mal seien sogar bei Unbeteiligten posttraumatische Belastungsstörungen festgestellt worden, sagt Znoj, welche generell nur bei Opfern seelischer, körperlicher oder psychosozialer Extrembelastung auftreten. Diese Aufwärtsspirale könne, nur durch drastische Erlebnisse wieder durchbrochen werden.

Bei wem eine Habitutation und bei wem eine Sensitivierung eintritt, lässt sich im Vorfeld nicht sagen. Auch die Auslöser variieren von Mensch zu Mensch.

Wenn wir "abstumpfen", dann sei das ein automatischer Selbstschutz vor psychischer Störung. Es bedeute nicht, dass wir wirklich übersättigt oder taub bezüglich der Bilder seien, dass wir kein Mitleid mehr empfinden.

Besonders Einzelschicksale berühren uns weiterhin, wie man sie vielfach bei den Terroranschlägen des 11. Septembers erleben konnte. Sie haben persönliche Relevanz und sprechen unser soziales Netzwerk an.

© WELT Online

____________________________

'Sleep my dears, now. Sleep and dream,
and know that things aren't what they seem.
The little death,' she says, she sighs,
'is worth a thousand waking lives.'





(Editiert am: 09.10.2011 14:33 von Lael)
 
Private Nachricht schicken E-Mail senden
Nemesis (M+)

Avatar

Registriert: 31.03.2004
Beiträge: 1238

07.10.2011 - 23:24: RE: Warum Gewalt und Katastrophen uns oft kalt lassen | Zitieren Zitieren

Grüß Dich !

Schön, daß Du Dich nun auch aktiv am Forengeschehen beteiligst. :cool: Auch wenn in diesem Falle der Artikel zumindest für mich keine überraschenden oder neuen Erkenntnisse enthält. Aber ich befasse mich ja schon wegen dem Erwachen sehr intensiv mit solchen Fragestellungen, für andere mag das Geschilderte neu sein. :smile:

Nun möchte ich aber noch zwei Dinge zur Form sagen. Es ist gut, daß Du die Quelle des Artikels angegeben hast, es fehlt nur leider das genaue Datum. Und Du hast Zwischenbemerkungen, wie Werbung oder weiterführende Links, nicht herausgelöscht, Daniel Craig und Co. gehören ja nicht zum Hauptartikel, ich lösche das per Hand aus dem kopierten Text heraus, ehe ich ihn abschicke, damit er übersichtlich bleibt. Wäre nett, wenn Du in Zukunft auf diese beiden Dinge noch achten könntest. :zwinker:

Noch ein generelles Wort dazu zum Schluß: Bilder verlinke ich nicht mehr, wie ich es in meinem ersten Board seinerzeit tat, weil die Nachrichtenseiten sie nur eine bestimmte Zeit hochladen und man nach einem Jahr dann Artikel voller kaputter, nicht mehr landender Bilder hat. Wenn man also ein Bild einfügen will, sollte man darauf achten, daß es sich an einem Ort befindet, der möglichst lange unter dieser URL noch zu erreichen sein wird.

MfG, Dein Nemesis.

--------------------------------------------------------------------------
You think you KNOW me ?! - You ain´t seen NOTHING yet !

"Damit ihr wißt, wie es ist, in der Hölle zu sein,
damit ihr wißt, wie es ist, nach Erlösung zu schrei´n,
nur deshalb komm´ ich zurück,
mit flammendem Blick,
ich nehm´ das letzte Streichholz
und verbrenne eure schöne, heile Welt!"
(Oomph!)

Phobos - Daimos - Thanatos

 
Private Nachricht schicken E-Mail senden Startseite
Lael

Avatar

Registriert: 01.07.2005
Beiträge: 20

09.10.2011 - 14:36: RE: Warum Gewalt und Katastrophen uns oft kalt lassen | Zitieren Zitieren

Habe es jetzt editiert. =) Ich hab den Artikel von `ner Sekundärquelle, welche Welt Online als Primärquelle zitierte,
deshalb war da überhaupt was drin. Den Artikel selbst hab ich an dem Tag auf Web.de gelesen, wo ich ihn gepostet habe.
Und ich fand das eigentlich interessant und hab`s mehr aus Eigensinn für mein Studium mal hierher gepackt, da ich es hier
auf jeden Fall wiederfinden würde. =) Ich mein, Habituation ist für uns Psychologen im Studium allgegenwärtig
und so auch nichts Neues. Und dennoch find ich den Artikel ganz gut. =)

____________________________

'Sleep my dears, now. Sleep and dream,
and know that things aren't what they seem.
The little death,' she says, she sighs,
'is worth a thousand waking lives.'





(Editiert am: 09.10.2011 14:37 von Lael)
 
Private Nachricht schicken E-Mail senden
Seite: 1 Antworten Antworten
Schnellzugriff:
Kostenlose Zähler und Statistiken für Ihre Website bei www.motigo.com
Get free forums, guestbooks, calendars, shorturls and web statistics at motigo.
Site Information